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Klinische Neuropsychologie -
ein Therapieverfahren zur Diagnostik und Behandlung organisch bedingter psychischer Störungen



Gauggel, S., Herrmann, M. & Kasten, E.



Stand: Januar 1999



1. Darstellung der Therapiemethode

1.1 Vorbemerkungen

Nach § 3 Abs. 3 des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) ist die Ausübung von Psychotherapie "... jede mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist".

In einer rechtsgutachterlichen Stellungnahme vom 10. Dezember 1997 weist Herr Prof. Dr. Robert Franke (Universität Bremen) darauf hin, dass diese Definition auch auf die therapeutische Tätigkeit von Neuropsychologen zutrifft, "... weil im diagnostischen wie im behandelnden Bereich gezielt und methodisch angeleitet Einfluß auf die emotionale Handlungssteuerung der Patienten genommen wird. Diese Tätigkeit wird von Klinischen Neuropsychologen offenbar auch selbständig ausgeübt. Damit lassen sich Argumente dafür nennen, dass es sich nicht um somatische Heilhilfstätigkeit, sondern um selbständige psychotherapeutische Diagnostik und Behandlung handelt. Damit fiele die entsprechende Tätigkeit von Neuropsychologen (Diplom-Psychologen) in den Anwendungsbereich des § 1 Abs. 1 und 3 PsychThG-E."

Aber nicht nur das Psychotherapeutengesetz liefert Argumente dafür, dass Klinische Neuropsychologen psychotherapeutisch tätig sind. Nach den Psychotherapie-Richtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen kann Psychotherapie erbracht werden, "... soweit und solange eine seelische Krankheit vorliegt. Als seelische Krankheit gilt auch eine geistige oder seelische Behinderung, bei der Rehabilitationsmaßnahmen notwendig werden". In diesen Psychotherapie-Richtlinien wird seelische Krankheit verstanden als krankhafte Störung der Wahrnehmung, des Verhaltens, der Krankheitsverarbeitung, der sozialen Beziehungen und der Körperfunktionen.

Auch das Forschungsgutachten zu einem Psychotherapeutengesetz hat diesen Krankheitsbegriff und den Begriff der seelischen Krankheit von den Psychotherapie-Richtlinien übernommen. In Abgrenzung der heilkundlichen Tätigkeit des psychologischen Psychotherapeuten von der nicht-heilkundlichen Tätigkeit führt das Forschungsgutachten aus, dass es sich " ... um Krankenbehandlung mit psychologischen Mitteln, also Psychotherapie" handeln muss.

Nach diesen gesetzlichen Bestimmungen und Definitionen fällt die neuropsychologische Therapie unter den Begriff der Psychotherapie: Ihr Ziel ist die Feststellung und Heilung oder Linderung von geistigen und seelischen Störungen bzw. Behinderungen mit Krankheitswert. Die neuropsychologische Therapie dient vornehmlich der Behandlung von hirnorganisch verursachten Störungen kognitiver Funktionen, des emotionalen Erlebens, des Verhaltens und der Krankheitsverarbeitung sowie der damit verbundenen Störungen psychosozialer Beziehungen.

Die neuropsychologische Therapie genügt auch den weiteren in den Richtlinien aufgeführten Erfordernissen an ein psychotherapeutisches Verfahren: Das Krankheitsgeschehen ist ein ursächlich, durch die erlittene organische Erkrankung oder Schädigung bestimmter Prozess, der definitorisch durch das neurowissenschaftliche und (neuro-)psychologische Theoriesystem über die Zusammenhänge zwischen den neuronalen Grundlagen und dem Verhalten und Erleben und durch die neuropsychologische Syndromkunde (z.B. Hartje & Poeck, 1997; Heilman & Valenstein, 1993; Kolb & Wishaw, 1996; Walsh, 1990) als Krankheitslehre erfasst wird.
Die neuropsychologische Therapie richtet sich nicht nur auf isolierte Funktionsstörungen (z.B. Gedächtnisstörungen), sondern berücksichtigt stets auch das gesamte, komplexe Krankheitsgeschehen. Hierzu zählen kognitive und Verhaltensstörungen genauso wie die mit der Krankheit verbundenen affektiven, motivationalen und psychosozialen Veränderungen (Cramon & Zihl, 1988; Gauggel, Konrad & Wietasch, 1998; Goldstein, 1992; Jacobs, 1989; McGlynn, 1990).

Neuropsychologische Therapie setzt eine ätiologisch (und hirnlokalisatorisch bzw. pathophysiologisch-pathobiochemisch) orientierte Diagnostik voraus, welche die jeweiligen Krankheitserscheinungen hinreichend erklärt und zuordnet und den Krankheitszustand in seiner Ganzheit und Komplexität erfaßt (Lezak, 1995; Cramon, Mai & Ziegler, 1993). Die neuropsychologische Therapie folgt insofern einer regelhaften Ordnung, als sich z.B. an ein frühes Aktivierungsstadium eine Phase der fortschreitenden Bewusstmachung und psychischen Verarbeitung der Erkrankung und deren Folgen, in enger Interaktion zwischen Patient und Psychotherapeut, anschließt und schließlich das soziale Umfeld des Patienten einbezogen wird. Die Methode, d.h. die therapeutischen Verfahren und Techniken der neuropsychologischen Therapie, ist wissenschaftlich begründet und hinreichend therapeutisch erprobt (siehe Anhang).


1.2 Entwicklung und heutige Position der Klinischen Neuropsychologie

Die Anfänge neuropsychologischer Forschung und Behandlung reichen bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts zurück. Die Grundlagen für die neuropsychologische Behandlung wurden in Deutschland vor allem während des I. Weltkrieges gelegt. In dieser Zeit wurden spezielle Behandlungszentren für hirnverletzte Soldaten eingerichtet, in denen es zu einer engen Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Psychologen kam. Fachpsychologisches (neuropsychologisches) Wissen wurde dabei vor allem für die Diagnostik und auch die Behandlung der betroffenen Soldaten benötigt. Zahlreiche (neuro-)psychologische Untersuchungsmethoden, aber auch erste therapeutische Ansätze wurden in dieser Zeit entwickelt (Goldstein & Gelb, 1918; Goldstein & Reichmann, 1920; Moede, 1917; Poppelreuter, 1917, 1928; Stößner, 1919). Nach dem Ende des I. Weltkrieges existierten die Behandlungszentren noch einige Jahre, wurden dann aber aufgelöst oder in psychiatrische oder neurologische Krankenhäuser eingegliedert. Mit Beginn des II. Weltkrieges lebte der Gedanke der "Hirnverletztenlazarette" wieder auf, und auch die Zusammenarbeit von Medizinern und Psychologen bei der Diagnostik und Behandlung hirnverletzter Soldaten wurde fortgesetzt. Allerdings fand die Kooperation während des II. Weltkrieges ein abruptes Ende, da Psychologen auf Drängen von Medizinern von der Diagnostik und Behandlung hirnverletzter Soldaten ausgeschlossen wurden. Anfang und Mitte der 70er Jahre sind neuropsychologische Behandlungsansätze und die damit verbundene Forschung international, aber auch in Deutschland (Cramon & Zihl, 1988) wieder in den Mittelpunkt des Interesses geraten (vgl. Diller & Gordon, 1981a; Diller & Gordon, 1981b; siehe aber auch Luria, 1963). Seither erlebt dieser Bereich hauptsächlich infolge des rasanten Fortschritts der Neurowissenschaften, der vor allem durch die moderne Bildgebung möglich wurde, einen neuen Aufschwung (z.B. Meier, Benton & Diller, 1987). Hinzu kommt, dass durch die bessere intensivmedizinische Versorgung mehr Patienten schwere und schwerste Hirnschädigungen überleben und somit auch die Zahl von Personen mit organisch bedingten psychischen Störungen steigt.
Insbesondere aus dem angloamerikanischen Raum, wo sich zahlreiche neuropsychologische Behandlungsprogramme (z.B. die Therapieprogramme von Ben-Yishay, Prigatano, Sohlberg/Mateer, Trexler und Ylvisaker) etablieren konnten, kamen viele wertvolle Anregungen (z.B. Kreutzer & Wehman, 1991; Prigatano et al., 1986; Sohlberg & Mateer, 1989; Uzzell & Gross, 1986). Unter anderem wurde in dieser Zeit auch das theoretische Fundament für die Behandlung von Patienten mit organisch bedingten psychischen Störungen entwickelt (Diller, 1976; Diller & Gordon, 1981).
Heute ist es Standard, dass in jeder neurologischen Rehabilitationsklinik, aber auch in Akutkrankenhäusern und in geriatrischen sowie psychiatrischen Einrichtungen Neuropsychologinnen und Neuropsychologen tätig sind, die eigenständig diagnostische Untersuchungen und Behandlungen durchführen (siehe Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, 1994). In den Empfehlungen der Rentenversicherungsträger und der Berufsgenossenschaften werden solche Abteilungen sogar explizit verlangt.


1.3 Definition des Verfahrens

Bei der neuropsychologischen Therapie handelt es sich um psychologische Interventionen, die auf der Grundlage neurowissenschaftlicher und psychologischer Erkenntnisse gewonnen wurden und zur Behandlung von Patienten mit organisch bedingten psychischen Störungen eingesetzt werden. In Anlehnung an die Psychotherapie-Definition von Strotzka (1978) stellt die neuropsychologische Therapie einen bewussten und geplanten interaktionellen Prozess zur Beeinflussung von kognitiven, emotionalen und motivationalen Beeinträchtigungen, Verhaltensstörungen und Leidenszuständen dar. In Zusammenarbeit mit dem Patienten, den Angehörigen/Bezugspersonen oder Institutionen werden mit psychologischen Mitteln Veränderungen in Richtung auf ein vorher definiertes Ziel bewirkt. Die Wahl der Mittel und deren Anwendung basiert auf einer Theorie des normalen und pathologischen Erlebens und Verhaltens. Die neuropsychologische Therapie hat zum Ziel, das Ausmaß der durch die organische Erkrankung bedingten Funktionsstörungen sowie die daraus resultierende Behinderung zu vermindern oder zu beseitigen (siehe auch Dick, Gauggel, Hättig & Wittlieb-Verpoort, 1995).


1.4 Behandlungsformen der neuropsychologischen Therapie

1.4.1 Vorbemerkungen

Neuropsychologische Therapiemethoden unterscheiden sich von anderen psychotherapeutischen Methoden (z.B. Verhaltenstherapie) dadurch, dass sie primär für Patienten mit organisch bedingten psychischen Störungen entwickelt wurden. Darüber hinaus stützen sich sowohl die Diagnostik als auch die Therapie auf Modelle über Zusammenhänge zwischen hirnorganischen Strukturen und Funktionen einerseits und psychischen Symptomen sowie Verhaltens- und Erlebensformen andererseits (Perceman, 1989; Riddoch & Humphreys, 1994; Wilson, 1997). Als Konsequenz dieses Ansatzes wurden diagnostische und therapeutische Verfahren entwickelt und inhaltlich und methodisch evaluiert (siehe z.B. Lezak, 1995; Riddoch & Humphreys, 1994). Die neuropsychologische Therapie nutzt Erkenntnisse über kognitive und neuropsychologische Modelle der Informationsverarbeitung und Erkenntnisse über die Möglichkeit der Reorganisation des Zentralnervensystems (Finger & Stein, 1982). Zusätzlich werden psychotherapeutische Verfahren (z.B. operante Methoden) aus anderen Psychotherapierichtungen eingesetzt (Prigatano, 1994). Diese müssen aber auf die speziellen Bedürfnisse von Patienten mit organisch bedingten psychischen Störungen adaptiert werden (Alderman, 1996; Matthes-von Cramon, von Cramon & Mai, 1994). Die Einführung der neuropsychologischen Therapie als neues psychotherapeutisches Verfahren stellt eine Erweiterung und Verbesserung der Krankenversorgung dar, da die bisher anerkannten Psychotherapieverfahren keine Behandlungsindikation bei Patienten mit organisch bedingten psychischen Störungen oder Behinderungen kennen. Grundsätzlich werden in den Psychotherapie-Richtlinien zwar somatopsychische (im Unterschied zu psychosomatischen bzw. psychogenen) Störungen nicht explizit ausgeschlossen, in den Ausführungen zu den Anwendungsbereichen zeigt sich jedoch, dass somatopsychische Störungen bisher nicht in Betracht gezogen werden. Soweit ähnliche Indikationen angeführt werden (seelische Behinderung als Folge schwerer chronischer Krankheitsverläufe), beziehen sie sich nicht auf die große Gruppe der Erkrankungen oder Verletzungen des Zentralnervensystems (z.B. Schädelhirntrauma, cerebrovaskuläre Erkrankungen, Hypoxien, Hirntumore). Die fehlende Indikationsstellung zur Psychotherapie von Patienten mit organisch bedingten psychischen Störungen durch bislang anerkannte psychotherapeutische Verfahren kommt auch in der ungenügenden ambulanten Versorgung dieser Patientengruppe zum Ausdruck (siehe Pkt. 7 des Antrags).


1.4.2 Behandlungsformen

Die neuropsychologische Therapie unterscheidet drei grundlegende Behandlungsformen: (1) Funktionstherapien, (2) Kompensationstherapien und (3) integrative Behandlungsmethoden. Die beiden erstgenannten Behandlungsformen setzen sich aus einer Vielzahl von Einzelmethoden zusammen und basieren auf neurophysiologischen, funktionell-neuroanatomischen und neurobiologischen Erkenntnissen über die Organisation und Funktion des Gehirns sowie dessen Fähigkeiten zur Reorganisation (siehe Pkt. 5 des Antrags). Die einzelnen Methoden können entweder einzeln oder in Kombination angewendet werden und sind immer Bestandteil eines umfassenden Behandlungskonzeptes, das den multiplen Störungen der betroffenen Patienten versucht Rechnung zu tragen (vgl. auch die Stellungnahme der Expertenkommission Neuropsychologie, Zeitschrift für Neuropsychologie, 1998, 9, S. 56-60).

(1) Funktionstherapien (Restitution): Mit dem Begriff Funktionstherapie oder funktionelle Therapie wird eine Behandlungsform umschrieben, bei der durch spezifische und neuropsychologisch begründete Therapien ein bestimmtes Verhalten verbessert oder optimiert werden soll (Bracy, 1985; Bradley, Welch & Skilbeck, 1993; Gordon & Hibbard, 1991; Kreutzer & Wehman, 1991). Während die Art der Funktionstherapie durch die diagnostizierte Störung bestimmt wird, richtet sich die Frequenz und Intensität der Funktionstherapie häufig nach der verstrichenen Zeit seit der Erkrankung, d.h. dem Grad der Chronifizierung und dem bisherigen Behandlungsverlauf (insbesondere der Dauer und Intensität der Behandlung sowie dem Umfang der erzielten Verbesserungen).
Charakteristisch für Funktionstherapien ist das direkte Üben ("drill and practice") beeinträchtigter kognitiver Funktionen (siehe Ben-Yishay & Prigatano, 1990; Klauer, 1993). Dabei kann davon ausgegangen werden, dass durch das Training elementarer kognitiver Funktionen oder Prozesse ein Leistungs- und Lernzugewinn erzielt werden kann, der zu funktionellen Verbesserungen führt. Ferner weisen Untersuchungen darauf hin, dass durch das spezifische Wiederholen bestimmter kognitiver Funktionen neue neuronale Verbindungen etabliert werden und es zu einer Reorganisation der geschädigten funktionellen Systeme kommt (Luria, 1963, 1980; Finger & Stein, 1982; vgl. Pkt 5). Inwieweit eine solche Reorganisation auch auf physiologischer und struktureller Ebene zu Veränderungen führen, ist erst in Ansätzen geklärt (Finger, LeVere, Almli & Stein, 1988; Finger & Stein, 1982; Wilson, 1998). Die Konzeption verwendeter Funktionstherapien ist inhaltlich sehr unterschiedlich, richtet sich aber heute zunehmend nach aktuellen neuropsychologischen Modellen (Banich, 1997; Ellis & Young, 1988; Margolin, 1992) oder nach den Erkenntnissen von Prozeßanalysen (Riddoch & Humphreys, 1994). Bei den Prozeßanalysen findet eine genaue Analyse der psychischen Prozesse, die zur Realisierung der entsprechenden Leistung oder Funktion beteiligt sind, statt. Während der Funktionstherapie werden dann einzelne defizitäre Komponenten geübt (z.B. bei Aufmerksamkeitstherapieprogrammen) oder es wird ein umfassendes Behandlungsprogramm für spezifische kognitive Funktionen entwickelt (Realitäts-Orientierungs-Training, Holden & Woods, 1982).
Funktionstherapien beinhalten aber immer auch die Planung des Transfers des Erlernten in den Alltag und berücksichtigen motivationale Aspekte bei der Durchführung der Therapie. Generell liegen die Ansatzpunkte der Funktionstherapie auf der Ebene von Basisfunktionen und Fertigkeiten (Skills). Ziel ist die Funktionsrestitution im Sinne der Reaktivierung der gestörten Funktionen und der funktionellen Reorganisation. Zur Therapie auf dieser Ebene zählen beispielsweise die Therapie von krankhaften Wahrnehmungsstörungen und die Behandlung von krankhaften Störungen spezifischer Aufmerksamkeitsfunktionen. Eine Übersicht über Funktionstherapie findet sich in Riddoch und Humphreys (1994) sowie Seron und Deloche (1989).

(2) Kompensationstherapien: Diese Behandlungsform dient dazu, die Bewältigungsfähigkeiten des Individuums dann aufzubauen bzw. zu verbessern, wenn eine Funktionsrestitution nicht mehr möglich ist. Kompensations- und Restitutionsansätze können im zeitlichen Verlauf der Erkrankung auch parallel durchgeführt werden und müssen nicht notwendigerweise sukzessiv angewandt werden (Gauggel, Konrad & Wietasch, 1998). Bei der Kompensationstherapie kommt vor allem den intakten kognitiven Fähigkeiten sowie dem engeren sozialen Umfeld eine wesentliche Bedeutung zu. Zu den wichtigsten Methoden der neuropsychologischen Kompensationstherapie zählen beispielsweise (1) die Realitätsanpassung und -überprüfung, (2) die Vermittlung und der Erwerb von Kompensationsstrategien (z.B. Gedächtnisstrategien) oder (3) die kognitive Bewältigung. Eine Zusammenstellung weiterer Methoden findet sich beispielsweise in Gauggel, Konrad und Wietasch (1998), Cramon und Zihl (1988), Frommelt und Grötzbach (1999). Alle Interventionen in diesem Bereich stellen den psychologischen Aspekt der Kompensation von Defiziten in den Mittelpunkt. Allgemein sprechen Bäckman und Dixon (1992) dann von Kompensation, wenn ein objektives oder wahrgenommenes Ungleichgewicht zwischen verfügbaren Fähigkeiten und Umweltanforderungen ausbalanciert wird. Ein solches Ungleichgewicht kann durch (1) die Investition von mehr Zeit und Energie (oder allgemein durch mehr Anstrengung), (2) die Substitution einer gestörten Hirnleistung durch intakte Funktionen (z.B. Erwerb der Braille-Schrift bei Blindheit), (3) die Entwicklung einer neuen Fähigkeit (z.B. Gebrauch spezieller Strategien), (4) die Veränderung der Erwartungen und der Ziele und/oder (5) die Wahl einer alternativen Nische oder eines alternativen Ziels ausgeglichen werden (Dixon & Bäckman, 1995). Die Anwendung dieser Ausgleichsmechanismen durch betroffene Patienten/Patientinnen wird durch die oben genannten neuropsychologischen Therapiemethoden therapeutisch beeinflusst. Die genannten Ausgleichsmechanismen werden im Rahmen von Einzel- oder Gruppentherapien schrittweise eingeübt und an die individuellen Bedürfnisse der Patienten angepasst (Gauggel & Schoof-Tams, in Druck).

(3) Integrative Behandlungsmethoden: Zusätzlich zu den Funktions- und Kompensationstherapien verwendet die Klinische Neuropsychologie Methoden anderer psychotherapeutischer Verfahren (z.B. Methoden der Verhaltenstherapie bei Störungen exekutiver Funktionen, insbesondere der Handlungskontrolle) und adaptiert sie entsprechend der Bedürfnisse der Patienten (Miller, 1991, 1992, 1993; Prigatano, 1994; Wilson, 1997). Es sind häufig die übergreifenden psychologischen Aspekte, die hier aufgegriffen und behandelt werden (Miller, 1991, 1992, 1993; Prigatano, 1994; 1997; Wilson, 1997). Emotionale und Verhaltensprobleme stehen dabei genauso im Mittelpunkt wie beispielsweise die Krankheitsbewältigung, die Anpassung an die Krankheit und deren Folgen, der Umgang mit Stress, motivationale Probleme, Störungen der Krankheitseinsicht, die Lebenszufriedenheit, familiäre, schulische und berufliche Probleme sowie Rollenveränderung und -erwartungen. Generell gilt, dass die Mehrzahl hirngeschädigter Patienten nicht in dem Maße von „klassischen„ psychotherapeutischen Methoden profitieren können wie andere Patienten ohne Beeinträchtigung zentralnervöser Funktionen. Als Hauptprobleme, die eine psychotherapeutische Behandlung erschweren, sind zu nennen: (1) Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprobleme, (2) mangelndes Abstraktionsvermögen und rigides Denken, (3) Planungs- und Problemlösedefizite, (4) mangelnde Selbstkontrolle, (5) Mangel an Einsicht (6) emotional-affektive Veränderungen und (7) Sprach- und Sprechstörungen. Aus diesen Gründen müssen "klassische" psychotherapeutischer Techniken vor ihrer Anwendung bei hirngeschädigten Patienten verändert werden. So ist es beispielsweise notwendig, auf ein stark strukturiertes Vorgehen mit viel Redundanz und Wiederholungen zu achten. Ferner müssen schriftliche Hilfen sowie kurze Verhaltenssequenzen bei Rollenspielen und Verhaltensübungen verwendet werden (Aldeman, 1996; Eames, Haffey & Cope, 1990; Gauggel, Konrad & Wietasch, 1998).
Für die Behandlung empfiehlt sich eine Mischung aus Aufklärung und Informationsvermittlung, Strategien im Umgang mit Antriebsmangel, sozialem Rückzugsverhalten und Befindlichkeitsstörungen sowie der Vermittlung von Selbstinstruktionstechniken im Umgang mit nicht-kontrollierten Affekten, wie z.B. Aggressionen. Sie stellen jedoch nur eine Auswahl aus einer Vielzahl von möglichen Interventionsstrategien dar (z.B. Miller, 1993; Prigatano, 1994; Schefft, Malec, Lehr & Kanfer, 1997).


1.5 Behandlungssettings

Die neuropsychologische Behandlung kann sowohl als Einzel- als auch Gruppentherapie durchgeführt werden. Sie findet in diesen Formen sowohl in der Akut-, Postakut- als auch in der chronischen Phase der Erkrankung statt (Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, 1994). Bislang wurden neuropsychologische Behandlungen primär im stationären und teilstationären/tagesklinischen Kontext durchgeführt (Fries, 1996). Da jedoch hirngeschädigte Patienten aufgrund schwerer kognitiver Einbußen oftmals nicht in der Lage sind, die gelernten Kompensationsstrategien selbständig auf ihr Lebensumfeld zu übertragen, wird - vor allem in der chronischen Phase - zunehmend eine gemeindenahe Behandlung und Versorgung angestrebt (Schönle, 1997; Koch & Bürger, 1996; vgl. auch Pkt. 7). Für bestimmte Patienten mit sehr schweren Verhaltensauffälligkeiten (z.B. aggressiven Verhaltensweisen) sind spezielle Behandlungseinrichtungen notwendig (Eames, Haffey & Cope, 1990; Haffey & Scibak, 1989; Heeg, 1994).


2. Indikationsbereich des Verfahrens

Eine Neuropsychologische Therapie ist bei allen Personen (Kinder, Jugendliche und Erwachsene) mit organisch bedingten psychischen Störungen (ICD-10: F0) indiziert (Für Kinder und Jugendliche, aber auch für ältere Menschen wurden spezielle Untersuchungs- und Behandlungsverfahren entwickelt (siehe hierzu Reynolds & Fletcher-Janzen, 1989; Savage & Wolcott, 1994; Yilvisaker, 1998; Spreen et al., 1984; Rosenthal, Griffith, Bond & Miller, 1990).) . Die Anwendung des Verfahrens setzt allerdings eine ausführliche diagnostische Untersuchung voraus, in der nicht nur der Umfang und die Art der Störungen, sondern auch die verbliebenen Ressourcen, die Behandlungsmotivation, die Einsicht in die vorhandenen Probleme und das soziale Umfeld der Patienten eruiert werden (Cramon, Mai & Ziegler, 1993; Lezak, 1995; Hartje & Poeck, 1997). Nur aufgrund der Kenntnisse in diesen Bereichen und der Kenntnisse über die neuronalen Prozesse und deren krankhafte Störungen sowie über die grundlegenden neurologischen Prinzipien der medizinischen Therapie und des Krankheitsverlaufes kann ein Einsatz neuropsychologischer Behandlungsmethoden angemessen beurteilt werden. Neben diesem Hauptindikationsbereich werden aber auch bei anderen psychischen Störungen (z.B. Behandlung von Basisstörungen bei schizophrenen Patienten; Diagnostik neuropsychologischer Störungen bei Patienten mit affektiven Störungen) diagnostische oder therapeutische Methoden der Klinischen Neuropsychologie verwendet (Parsons, Butters & Nathan, 1987; Grant & Adams, 1985).


2.1 Indikation von Funktionstherapien

Die Notwendigkeit und die Art der Funktionstherapie wird durch die Diagnosestellung bestimmt. Hierfür gibt es spezielle Indikationsschemata (siehe z.B. Wilson, 1992: neuropsychologische Behandlungsstrategien bei Patienten mit Gedächtnisstörungen; vgl. Anlage IV). Die Frequenz und Intensität der Funktionstherapie richtet sich nach der verstrichenen Zeit seit der Erkrankung, d.h. nach dem Grad der Chronifizierung und dem bisherigen Behandlungsverlauf (insbesondere der Dauer und Intensität der Behandlung sowie dem Umfang der erzielten Verbesserungen). Während in den ersten Wochen unmittelbar nach der Schädigung Funktionstherapien einen hohen Stellenwert haben und mit hoher Frequenz und Intensität durchgeführt werden, erlangen auf Kompensation ausgerichtete Interventionen in den darauffolgenden Monaten ein immer größeres Gewicht (Ben-Yishay & Prigatano, 1990). Dies gilt vor allen Dingen dann, wenn deutlich wird, welche Beeinträchtigungen sich durch eine Funktionstherapie nicht mehr verbessern lassen.


2.2 Indikation von Kompensationstherapien

Kompensationstherapien sind immer dann indiziert, wenn der chronische Charakter der Störung offensichtlich ist bzw. der Schweregrad der Störung eine weitgehende Wiederherstellung nicht möglich erscheinen lässt (Diller, 1981; Seron, 1987; Wilson, 1997). Die Anwendung von Kompensationstherapien mit Fokus auf den Patient/die Patientin setzt voraus, dass er/sie über ein ausreichendes Störungsbewusstsein und über für das Erlernen der Kompensationsstrategien notwendige kognitive Fähigkeiten verfügt (Deaton, 1986; Prigatano & Schacter, 1991). Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, kann Kompensationstherapie auch bedeuten, den Angehörigen oder anderen Bezugs- und Betreuungspersonen Strategien im Umgang mit der Störung des Patienten zu vermitteln (Jacobs, 1989, 1993; Panting & Merry, 1972; Rosenbaum & Nayeson, 1976). Ähnlich wie beispielsweise bei Patienten mit Schizophrenie durch das Vermitteln bestimmter Kommunikationsstrategien in der Familie die Rückfallrate gesenkt werden kann, ist das Verhalten der Angehörigen von großer Bedeutung, wie Patienten mit organisch bedingten psychischen Störungen ihren Alltag bewältigen können.


2.3 Indikation von Integrativen Behandlungsmethoden

Integrative Behandlungsmethoden ergänzen die Methoden der Funktions- und Kompensationstherapie und sind immer dann indiziert, wenn psychosoziale Störungen mit Krankheitswert oder prämorbide psychische Störungen vorliegen. Sie sind darüber hinaus indiziert, wenn Patienten bei der Reintegration in den sozialen oder auch beruflichen Alltag begleitet werden und mögliche psychische Fehlanpassungen vermieden werden müssen (Miller, 1993; Newton & Johnson, 1985; Seron & Deloche, 1989; Strehl & Birbaumer, 1996).


3. Diagnostik

Eine neuropsychologische Therapie setzt zunächst eine spezifische neuropsychologische Diagnostik voraus, die alle Ebenen des WHO-Modells (Matthesius et al., 1995) berücksichtigt: (A) "pathology" (Pathologie, medizinische Diagnose), (B) "impairment" (Schädigung, direkte Konsequenzen des zugrunde liegenden pathologischen Geschehens), (C) "disability" (Alltagsbeeinträchtigung, funktionale Konsequenzen des impairments) und (D) "handicap" (Behinderung, psychosoziale Konsequenzen der Krankheit).
Im Rahmen einer umfassenden neuropsychologischen Diagnostik müssen zusätzlich zu den neuropsychologischen Aspekten medizinische und radiologische Informationen berücksichtigt werden (Crawford, Parker & McKinlay, 1992; Lezak, 1995).


3.1 Medizinische Informationen

Hierzu gehört die Auswertung üblicher Daten der Krankengeschichte insofern diese eine Rolle für die Entstehung der Hirnschädigung gespielt haben (z.B. Vorerkrankungen, medizinische Anamnese, medizinische Untersuchungsbefunde, Informationen aus bildgebenden Untersuchungen (computertomographische und/oder MRT-Aufnahmen des Gehirns (siehe Bigler, Yeo & Turkeheimer, 1989), aktuelle medikamentöse Therapie). Diese Befunde sind eine notwendige Voraussetzung für die neuropsychologische Therapieplanung und prognostische Einschätzung des Krankheitsgeschehens.


3.2 Neuropsychologische Diagnostik psychischer Funktionen

Die neuropsychologische Diagnostik muss hypothesengeleitet, vor dem Hintergrund der Ätiologie und der medizinischen Befunde erfolgen. Es wird dabei ein breites Spektrum psychischer Funktionen (z.B. Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache) mit Hilfe neuropsychologischer Testverfahren geprüft. Neben bewährten Testverfahren (wie z.B. üblichen Intelligenz- und Leistungstests) kommen in der Neuropsychologie insbesondere eigens für die Diagnostik von kognitiven Störungen entwickelte Verfahren zur Anwendung (siehe Anhang). Die neuropsychologische Diagnostik verfolgt dabei folgende Zielsetzungen:
  • Qualifizierung und Quantifizierung der Störungen
  • Beurteilung von individuellen Ressourcen und Kompensationsleistungen
  • Zufallskritische Beurteilung des Verlaufs (Progredienz/ Restitution) neuropsychologischer Defizite
  • Differentialdiagnose funktioneller und organischer Defizite
  • Abschätzung des Therapiepotentials
  • Planung der neuropsychologischen Therapie


Neuropsychologische Diagnostik basiert in ihrem Ansatz auf einem fundierten Grundlagenwissen der Ätiopathogenese organisch bedingter psychischer Erkrankungen, sowie deren Therapie und Verlauf. Bei der Interpretation der erhobenen Befunde müssen neben der Interaktion verschiedener kognitiver Funktionen emotionale und motivationale Veränderungen, assoziierte Defizite sowie Medikamenteneinflüsse (z.B. Antikonvulsiva, Beta-Blocker, Psychopharmaka) berücksichtigt werden. Die differentialdiagnostische Abgrenzung (z.B. Depression vs. dementieller Prozess) ist ebenfalls Aufgabe der neuropsychologischen Diagnostik.

In Abhängigkeit von den Zielsetzungen neuropsychologischer Diagnostik kognitiver Funktionen werden die folgende Arten der Diagnostik unterschieden (Hartje & Poeck, 1997):

  • Statusdiagnostik (neuropsychologischer und emotional-affektiver Status);
  • Verlaufsdiagnostik bei progredienter oder fluktuierender Symptomatik (z.B. Hirndruck, degenerative Erkrankungen);
  • Interventionelle Diagnostik (z.B. prächirurgische WADA-Testung, supraselektive WADA-Testung im Rahmen interventioneller Neuroradiologie);
  • Zusatzdiagnostik (neuropsychologische Zusatz- oder Einzelbegutachtungen).


Eine Auflistung und Kurzbeschreibung spezieller neuropsychologischer Testverfahren lässt sich z.B. dem Testkatalog der Testzentrale (Hogrefe, 1998/99, S. 185-201) entnehmen. Ausführlich werden neuropsychologische Tests in Cramon, Mai und Ziegler (1993), Lezak (1995), Spreen und Strauss (1997) und Wade (1992) vorgestellt. Im Anhang befindet sich eine Liste von ausgewählten neuropsychologischen Tests.


3.3 Neuropsychologische Diagnostik emotional-affektiver und motivationaler Störungen sowie Persönlichkeitsveränderungen

Hirnorganische Schäden können sowohl durch die direkte organische Schädigung (z.B. bei Läsionen der tiefen Großhirnkerne oder des frontalen Cortex) wie auch reaktiv (z.B. depressive Reaktion durch chronische Behinderung) eine Veränderung der Persönlichkeit zur Folge haben (Trimble & Cummings, 1996). Die Bandbreite kann z.B. von Depressionen über unangemessen euphorische Stimmungen bis zur mangelnden Hemmung von Aggressionen reichen. Eine umfassende neuropsychologische Diagnostik prüft daher auch Persönlichkeitseigenschaften, Stimmung, emotional-affektiven Status und die Motivationslage des Patienten. Zur Anwendung kommen strukturierte klinische Interviews mit Patienten und Angehörigen, Persönlichkeitstests und Fragebogenverfahren zur Selbst- und Fremdeinschätzung (siehe Cramon, Mai und Ziegler, 1993; Lezak, 1995; Spreen & Strauss, 1997; Wade, 1992). Da bei einer Vielzahl der Patienten keine ausreichende Einsichtsfähigkeit in die Folgen der Hirnschädigung gegeben ist, sind in der Regel Angehörige oder unmittelbare Bezugspersonen miteinzubeziehen.


3.4 Verhaltensbeobachtung

Verhaltensbeobachtung und Verhaltensproben sind wichtige Bestandteile der neuropsychologischen Diagnostik (Lezak, 1995). Schon bei der Durchführung standardisierter psychometrischer Tests, gibt die Verhaltensbeobachtung während der Testdurchführung wertvolle Hinweise auf mögliche kognitive, emotionale und motivationale Störungen. Im Mittelpunkt der Verhaltensbeobachtung während der Testdurchführung steht das Instruktionsverständnis, die Entwicklung von Lösungswegen, Aspekte der Handlungsplanung (z.B. Strukturierung der Aufgabe in Teilziele, Aufteilung einer größeren Anzahl von Informationen in Kategorien), die Umsetzung zielgerichteter Handlungsschritte sowie das Erkennen und Korrigieren von Fehlern. Verhaltensproben außerhalb des Untersuchungszimmers liefern weitere wichtige diagnostische Informationen. Insbesondere lässt sich dadurch die funktionelle Relevanz kognitiver Störungen in verschiedenen Alltagssituationen beobachten und beurteilen.


4. Stand der Theorieentwicklung

Ein wesentliches Postulat der neuropsychologischen Therapie ist die Annahme, dass normales Verhalten und Erleben ein intaktes Zentralnervensystem voraussetzt (siehe z.B. Shalllice, 1988). Nur wenn die vorhandenen neuronalen Systeme, die sich im Laufe der Entwicklung ausdifferenzieren, Sinnesinformationen (Umweltinformationen) adäquat verarbeiten und für die Bildung entsprechender mentaler Repräsentationen sorgen, ist zielgerichtetes Verhalten, aber auch normales Erleben möglich. Alle psychischen Prozesse haben ihre materielle Grundlage im Nervensystem. Ebenso wird davon ausgegangen, dass alle Formen des Lernens ein strukturelles oder biochemisches Äquivalent aufweisen, beziehungsweise nur dann möglich sind, wenn die entsprechenden neuronalen Systeme intakt sind.
Die neuropsychologische Therapie geht ferner davon aus, dass das Gehirn eine enorme Plastizität besitzt, um solche Leistungen erbringen zu können. Eine solche Plastizität ist auch in Situationen hilfreich, in denen es durch äußere oder innere Einflüsse zu Funktionsbeeinträchtigungen bestimmter Systeme kommt. Aktuelle neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse aus dem tierexperimentellen und aus dem Humanbereich unterstützen diese Sicht. Tabelle 1 gibt einen Überblick über verschiedene Wirkmechanismen, die bei organisch bedingten psychischen Störungen zum tragen kommen:


Diagnose Intervention
Partielle Läsionen umschriebener Hirnareale führen zur Reduktion der funktionalen Kompetenz Restitution: Strukturierte Therapie geschädigter Funktionen in unterschiedlichen Komplexitätsstufen („deficiency model„)
Vollständiger Verlust einer oder mehrerer Funktionen ohne Prognose einer Restitution der gestörten Funktion Substitution: Vermitteln alternativer Strategien zur Kompensation des funktionalen Verlusts („absence model„)
Läsion führt zur Störung der Interaktion zwischen verschiedenen umschriebenen Gebieten, die unterschiedliche Funktionen repräsentieren Integration: Isolation/Unterdrückung interferierender Aktivitäten mittels spezifischer Programme und/ oder Psychopharmaka („interference model„)
Läsion führt zu pathologischen Veränderungen der Aktivation (zu hoch oder zu niedrig) Aktivation: Anpassung der Aktivation mittels Psychopharmaka und/oder Verhaltensmodifikation


Tab. 1.: Wirkmechanismen bei Schädigung oder Erkrankung des Gehirns (Pöppel & v. Steinbüchel, 1990)


Durch gezielte neuropsychologische Therapie wird eine mögliche funktionelle Restitution unterstützt oder Kompensation verfügbar gemacht. Nachdem grundlegende Mechanismen der Plastizität hirnorganischer Funktionen auch nach einer cerebralen Läsion erkannt wurden, stellte man verschiedene Theorien über die Ursache dieser Verbesserungen auf. Hierzu gehören (1) Kompensation durch ungeschädigte Funktionen bzw. Teilfunktionen, (2) Kompensation durch die ungeschädigte Hirnhemisphäre, (3) die Übernahme der Funktionen durch andere Gehirnareale, (4) Restitution durch gezielte Reaktivierung von teilweise intakten Nervenzellen in teillädierten Hirnarealen und (5) die erhöhte Sensitivität der Rezeptoren nach Denervierung des Zielgebietes ("Denervierungs-Supersensitivität").
Die erstaunliche Plastizität des Gehirns wie auch eine Beschreibung von Mechanismen des Gehirns, die eine Funktionsverbesserung nach Läsion erklären, ist heute Grundlage jedes Lehrbuches zum Bereich der Neuropsychologie (s. Anlage III). Theorien der Erholung können von der Ebene der neuronalen Veränderung nach Läsionen bis zu rein funktionellen Veränderungen geordnet werden (Grimm, 1983; Caprez, 1984; Kolb & Wishaw, 1993). Zu den physiologischen Modellen zählen:
  • Das Modell der neuronalen Regeneration (durchtrennte Nervenzellaxone können teilweise wieder auswachsen, ihr ursprüngliches Zielgebiet erreichen und so funktionellen, synaptischen Kontakt ermöglichen).
  • Das Modell der reaktiven Synaptogenese (in dem Fall, dass durch Durchtrennung eines Axons die zugehörigen Synapsen ausfallen, haben benachbarte Axone (peripher und zentral) die Fähigkeit, Synapsen zu bilden, welche Verbindungen mit der Nachbarzelle herstellen).
  • Die Diaschisis-Hypothese (Diaschisis ist eine Funktionshemmung beim Ausbleiben von Erregungen; initialer Schockzustand); funktionelle Erholung ist mit dem Verschwinden der Diaschisis zu erklären).
  • Das Modell der Überempfindlichkeit denervierter Neuronen (verschiedene zentrale Strukturen reagieren nach einer Läsion auf Stimulation durch eine größere Wirkung derselben Menge von Transmittersubstanz an der synaptischen Membran überempfindlich, d.h. nichtgeschädigte Fasern lädierter Regionen haben einen größeren Einfluß auf die denervierte Region).


Auf der anderen Seite stehen die Reorganisationsmodelle. Zu diesen zählen
  • Die funktionelle Substitution (fällt eine der Verbindungen neuronaler Funktionen aus, übernehmen die restlichen die Funktion zunächst in reduzierter Form).
  • Die funktionelle Kompensation (ein Subsystem innerhalb des Zentralnervensystems übernimmt nach Schädigung eines anderen Subsystems allmählich dessen Funktion).
  • Die kognitive Reorganisation (das einspringende System übt diese Funktion nicht in genau gleicher Weise aus, sondern übernimmt nur die gleiche Rolle, d.h. es findet eigentlich keine funktionelle Erholung statt, sondern ein mehr oder weniger bewußtes Umgehen mit der Behinderung).


Somit wird deutlich, dass eine Reihe von Mechanismen existieren, die eine spontane Verbesserung der organisch bedingten psychischen Störungen bewirken können. Bisherige Untersuchungen lassen vermuten, dass gezielte Therapie gestörter kognitiver Funktionen eine Aktivierung der Erholungsprozesse bewirken, den auslösenden Faktor darstellen oder spontane Erholungsprozesse in nutzbringende Bahnen lenken können.


5. Wirkungsforschung

In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche Interventionsstudien durchgeführt, die die Wirksamkeit neuropsychologischer Therapie belegen (für eine Übersicht siehe Benedict, 1989; Diller & Gordon, 1981; Kasten, Schmid & Eder, 1998; Malec et al., 1993; McGlynn, 1990; Robertson, 1991; 1993; Trexler & Helmke, 1996). Die überwiegende Anzahl dieser Studien entspricht den Evidenzkriterien Ia, b und II wie sie in den Richtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen zur Einführung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden formuliert sind (Bekanntgabe der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vom Januar 1998; Deutsches Ärzteblatt, 95, Heft 1-2, 5.Januar 1998).


5.1 Wirkungsnachweise (kontrollierte Untersuchungen)

Zur Wirksamkeit neuropsychologischer Behandlung gibt es inzwischen eine große Fülle wissenschaftlicher Untersuchungen, darunter auch viele verblindete und Placebo-kontrollierte Studien sowie katamnestische Untersuchungen, in denen eine Wirksamkeit neuropsychologischer Behandlung wissenschaftlich dargelegt wird (für eine Übersicht siehe z.B. Kasten, Schmid & Eder, 1998). Eine kurze tabellarische Übersicht über aktuelle Arbeiten zu Wirksamkeit und Effektivität der neuropsychologischen Therapie von ausgewählten Störungen ist in Anlage 1 dieses Antrags dargestellt. Auf spezielle Bereiche z.B. spezifische Therapie im Bereich der Frührehabilitation, der Epilepsie oder dementieller Störungen wie auch für ausführliche Darstellungen der einzelnen Studien verweisen wir auf die entsprechende in der Literaturübersicht genannte Primär- und Sekundärliteratur, insbesondere auf neuropsychologische Lehrbücher in Anlage II. Eine ausführliche Zusammenfassung und Bewertung der tabellarisch dargestellten Studien findet sich in Kasten, Schmid und Eder (1998).

5.2 Unerwünschte Wirkungen der Therapie

Unerwünschte Nebenwirkungen (z.B. Motivationsverlust, Abhängigkeit vom Therapeuten, affektive Störungen) neuropsychologischer Behandlungen können sich aus der falschen Wahl des Therapieziels, der Therapiemethode, des Behandlungsumfeldes sowie der unqualifizierten Anwendung von Therapiemethoden ergeben. Durch eine genaue Indikationsstellung, kontinuierlicher Supervision und Reflektion der angewendeten Methoden und Qualitätssicherungszyklen lassen sich unerwünschten Nebenwirkungen verhindern (siehe auch Adams & Rourke, 1992).


6. Versorgungsrelevanz

Es ist unstrittig, dass die neuropsychologische Diagnostik und Therapie elementarer und essentieller Bestandteil der Versorgung von Patienten mit organisch bedingten psychischen Störungen und deren Angehörigen ist. Dies gilt sowohl für den Sektor der stationären Akutbehandlung, der stationären und teilstationären Rehabilitationsbehandlung wie auch für die ambulante Versorgung und wird durch die konzeptionellen Ausarbeitungen zur Krankenversorgung der entsprechenden Leistungsträger und -anbieter belegt (vgl. hierzu bspw. Reha-Kommission, 1991). Der Versorgungsbedarf als auch die aktuelle Versorgungssituation mit Klinischen Neuropsychologen wurden in den letzten Jahren sowohl in einer metaanalytischen als auch drei empirischen Studien untersucht. In einer Metanalyse zum Bedarf der ambulanten neuropsychologischen Behandlung kommen Kasten und Mitarbeiter (1997) zu der Feststellung, dass pro Jahr etwa 40.000 bis 60.000 Patienten einer ambulanten neuropsychologischen Diagnostik und/oder Therapie bedürfen.
1994 wurden erstmals in einer von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Auftrag gegebenen Studie die Anhaltszahlen für die aktuelle Ausstattung und den geschätzten Bedarf an Neuropsychologen in Kliniken der neurologischen Akutversorgung empirisch untersucht (Wallesch, Frank, Bartels, & Herrmann. 1995). Diese Erhebung basierte auf der Rückmeldung von 215 von insgesamt 262 angeschriebenen Kliniken der neurologischen Akutversorgung. Als ein wesentliches Ergebnis dieser Studie war zu verzeichnen, dass der Bedarf an Klinischen Neuropsychologen von Seiten der leitenden Klinikärzte in Abhängigkeit von der Klinikgröße im Mittel um den Faktor 2-3 höher als die aktuelle Ausstattung eingeschätzt wurde. Ein weiteres bedeutsames Ergebnis dieser Studie war, dass in bezug auf das Tätigkeitsprofil Klinischer Neuropsychologen der „krankheitsbezogenen Psychotherapie„ neben der spezifischen neuropsychologischen Diagnostik ein großer Stellenwert eingeräumt wurde.
1995 wurde diese Untersuchung in einer differenzierteren Weise im Kontext der Frührehabilitation in neurologischen Akutkliniken in Deutschland wiederholt und neben dem Votum der leitenden Klinikärzte auch die Stellungnahme der jeweiligen Fachtherapeuten eingeholt. Im ersten Teil dieser Untersuchung zu aktuellen Strukturen und Versorgungsprofil (Mieck, Bartels, Herrmann, & Wallesch. 1997) konnten die Ergebnisse der ersten Studie und insbesondere der erhebliche Versorgungsbedarf an Klinischer Neuropsychologie im wesentlichen bestätigt werden. Weiterhin zeigten sich hier keine Differenzen zwischen der Einschätzung der leitenden Klinikärzte und der Neuropsychologen. Der zweite Teil dieser Untersuchung thematisierte unter anderem die Tätigkeitsprofile der Neuropsychologen sowie bestehende Versorgungsdefizite (Mieck, Bartels, Herrmann & Wallesch, 1998). Auch hier wurde der große Bedarf im Bereich der neuropsychologischen Therapie deutlich.
1996 wurde in einer empirischen Untersuchung, die in Kooperation der Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP), dem Berufsverband der Deutschen Nervenärzte (BVDN) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), durchgeführt wurde, unter anderem die Versorgungssituation und der Bedarf an ambulanter/teilstationärer neuropsychologischer Therapie in Süddeutschland analysiert. In diese Erhebung wurden die Kliniken der neurologischen Akutversorgung, die stationären und teilstationären Rehabilitationseinrichtungen, niedergelassene Neurologen/Psychiater und Nervenärzte und ambulant tätige Neuropsychologen einbezogen. Die Bedarfsanalyse (Herrmann, Laufer, Kohler & Wallesch, 1997a) zeigte, dass im Gegensatz zur logopädischen, ergotherapeutischen und physiotherapeutischen Versorgung die höchste Diskrepanz zwischen aktuellem Bedarf und realisierbarer Versorgung bei neuropsychologischen Leistungen zu verzeichnen war. Insbesondere in den Bereichen familiäre und psychosoziale Betreuung sowie neuropsychologische Therapie zeigte sich die deutlichste Diskrepanz zwischen Bedarf und möglicher Realisierung. Auch die aktuelle Versorgungssituation mit neuropsychologischer Therapie war primär dadurch geprägt, dass die Anzahl neuropsychologisch relevanter Diagnosen die möglichen jeweiligen Therapieangebote um das doppelte bis siebenfache überstiegen (Herrmann, Laufer, Kohler & Wallesch, 1997b).
Zusammenfassend zeigt sich in diesen systematischen und empirischen Studien zur Versorgungsrelevanz neuropsychologischer Therapie ein extremes Defizit originär neuropsychologischer Leistungen.


7. Ausbildung

Die Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP) als Vertretung der deutschsprachigen klinisch und wissenschaftlich tätigen Neuropsychologen und Neuropsychologinnen begann bereits Ende der achtziger Jahre mit Initiativen zur Entwicklung einer postgradualen Weiterbildungsordnung für Diplompsychologen, die auf dem Gebiet der klinischen Neuropsychologie tätig sind. 1994 wurde nach langjährigen Diskussionen ein Curriculum für eine postgraduierte Weiterbildung in „Klinischer Neuropsychologie„ sowie Übergangsrichtlinien für langjährig tätige Neuropsychologen verabschiedet (Gesellschaft für Neuropsychologie, 1995b). Im letzten Jahr wurde dieses Bemühen um die Etablierung von Ausbildungsstandards in der klinischen Neuropsychologie von der Antragstellerin aufgenommen und in einer von Psychologen (BDP, DGPs und GNP) und Neurologen (DGN) gemeinsam getragenen Weiterbildung umgesetzt (Gemeinsame Kommission Klinische Neuropsychologie. 1998). Diese Ausbildung sieht eine dreijährige berufsbegleitende Weiterbildung für Diplompsychologen in einer akkreditierten Institution vor. Der zeitliche Umfang ist auf 1.000 Stunden festgesetzt, wobei 300 Stunden außerhalb der klinisch-praktischen Ausbildung abgeleistet werden müssen. Die Weiterbildung erfolgt in einem Trägerschaftsmodell, welches eine Kooperation von Universitätseinrichtungen mit dem Diplomstudiengang Psychologie und Spezialisierung in Klinischer Psychologie/Neuropsychologie oder anderen Universitätseinrichtungen mit einem kontinuierlichen Ausbildungsangebot in Klinischer Neuropsychologie, klinisch-neuropsychologischen Praxiseinrichtungen und gegebenenfalls anderen psychologischen Weiterbildungseinrichtungen vorsieht. Die Ausbildung beinhaltet eine dreijährige klinisch-neuropsychologische Tätigkeit in einer anerkannten Weiterbildungseinrichtung, davon mindestens ein Jahr in einer Einrichtung der stationären neurologischen Krankenversorgung oder Rehabilitation.
Die Organisation der Weiterbildung, ebenso wie die Überprüfung der Qualitätsstandards, obliegt lokalen/regionalen Weiterbildungsgremien. Nach Prüfung der Voraussetzungen wird die Weiterbildung durch eine mündliche Prüfung abgeschlossen, welche vor einem Prüfungsausschuß unter Beteiligung von 2 Psychologen/innen und einem/r Neurologen/in abgelegt wird. Die „Postgraduale Weiterbildung Klinische Neuropsychologie„ wurde von allen Parentalgesellschaften der Antragstellerin unterzeichnet und in den Organen der jeweiligen Fachgesellschaften publiziert. Das Curriculum Klinische Neuropsychologie, das Trägerschaftsmodell, Geschäfts- und Prüfungsordnung, Übergangsregelungen und Ausführungsbestimmungen sind in Anlage V des Antrags dargestellt.


8. Qualitätssicherung

Bereits mit Einführung des ersten Curriculums Klinische Neuropsychologie durch die Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP) wurden vielfältige Bemühungen unternommen, Qualitätsstandards zu etablieren und ein effektives Qualitätsmanagement zu implementieren. In den letzten Jahren wurden unterschiedliche Initiativen und Maßnahmen ergriffen, die in den Bereichen der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität zu einer Sicherstellung und Verbesserung der Qualität neuropsychologischer Therapie beitragen (Herrmann, 1999). Bezüglich der Strukturqualität neuropsychologischer Therapie sind wesentliche Anstrengungen unternommen worden, um insbesondere Standards für die Qualifikation der neuropsychologischen Therapeuten zu etablieren und Personalschlüssel für unterschiedliche Einrichtungen empirisch fundiert zu definieren. Diese Standards bilden sich zum großen Teil in spezifischen Weiterbildungsordnungen und Curricula für Klinische Neuropsychologen, die im Gebiet der neuropsychologischen Therapie tätig sind, ab (vgl. 8.).
Zur Sicherstellung der Qualität in der postgradualen Weiterbildung wurde von Seiten der GNP 1994 ein Ausschuss „Organisation Weiterbildung, Curriculum, Akkreditierung„ eingerichtet, der dafür Sorge zu tragen hat, dass nur qualitativ hochwertige Fortbildungsveranstaltungen für den theoretischen Teil der Ausbildung anerkannt werden. Fortbildungsveranstaltungen, die zum Erwerb der im Curriculum geforderten theoretischen Qualifikation angeboten werden, werden an zwei unabhängige Fachgutachter zur Beurteilung der fachlichen, inhaltlichen und didaktischen Qualifikation weitergereicht. Bei erfolgter Akkreditierung verpflichten sich die Weiterbildungsanbieter zudem, eine Evaluation der Fortbildungsveranstaltung durch die Teilnehmer anhand standardisierter Evaluationsbögen durchzuführen (Gesellschaft für Neuropsychologie, 1995a). Weiterhin werden ebenfalls das gesamte Weiterbildungsangebot evaluiert und inhaltliche und strukturelle Defizite analysiert (Herrmann, Hermstein, & Ausschuss Organisation Weiterbildung, 1997). Die Arbeiten dieses Ausschusses werden mit Einrichtung der Weiterbildungsverbünde vom Akkreditierungsausschuss der Antragstellerin übernommen.
Gleichzeitig wurden Richtlinien für die räumliche und apparative Grundausstattung sowie die Infrastruktur von Institutionen im Bereich der neurologisch-neuropsychologischen Rehabilitation und klinischen Neuropsychologie erarbeitet (Reha-Kommission, 1991; Wallesch, Frank, Bartels, & Herrmann, 1995; Schönle, 1997).
Auch im Bereich der Prozess- und Ergebnisqualität neuropsychologischer Therapie sind wesentliche Ansätze realisiert worden, um Standards, wie sie beispielsweise von Koch und Bürger (1996) definiert wurden, einzulösen:
  • verbindliche Gesamtkonzeption mit indikationsbezogenen Schwerpunktsetzungen,
  • Orientierung an individuellen Problemlagen und Potentialen
  • Anpassung an den Stand des Behandlungsfortschritts
  • Kriseninterventionsmöglichkeiten,
  • Nachsorge und Einbeziehung von Familie und Umfeld

Zur Überprüfung des Ergebnisses von Maßnahmen und Interventionen im Rahmen der neuropsychologischen Therapie wurden zahlreiche Qualitätsmaße und Kriterien vorgeschlagen. Neben einfach zu operationalisierenden Maßen der Kosten-Nutzen-Relation (Behandlungsdauer, Art, Intensität und Frequenz der Behandlungen, Behandlungskosten, Abbruchquoten, Häufigkeit der Inanspruchnahme weiterer medizinischer Dienstleistungen, Beschäftigungsstatus) wurden ebenso komplexere Kriterien wie Grad der Selbständigkeit des Patienten („Activities of Daily Living„ (ADL), funktioneller Status) oder eine umfassendere Bewertung der Lebensqualität oder Patienten- /Angehörigenzufriedenheit (Gauggel, Konrad & Wietasch, 1998) als Maße zur Überprüfung des Behandlungserfolges eingeführt. Entsprechend internationalen Bemühungen wird auch im deutschsprachigen Kontext der neuropsychologischen Therapie versucht, unterschiedliche Assessmentverfahren für die Ebenen der Schädigung (impairment), Fähigkeitsstörung (disability) und Beeinträchtigung (handicap) nach der ICIDH-Klassifikation der WHO (World Health Organization, 1980) zu definieren (vgl. Blanco & Mäder, 1999).
Als Instrument zur kontinuierlichen Überprüfung und Verbesserung der Qualitätsstandards in der Klinischen Neuropsychologie wurde von der Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP) eine Leitlinienkommission eingerichtet. Diese Kommission orientiert sich an der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), die auf Initiative des Bundesgesundheitsministeriums mit der Erarbeitung von Leitlinien für Krankheitsbilder, die von über 60 einzelnen medizinischen Fachgesellschaften vertreten werden, beauftragt ist (vgl. Müller, 1996). Es ist zu erwarten, dass durch die Formulierung von Leitlinien eine deutliche Verbesserung der Prozeß- und Ergebnisqualität in der neuropsychologischen Diagnostik und Therapie erreicht werden kann.


9. Reflektion der Methode und ihrer Ziele unter ethischen Aspekten

Es existieren berufsethische Normen für Neuropsychologen und Neuropsychologinnen (Lamberti, im Druck) sowie allgemeine berufsethische Normen der verschiedenen die Ausbildung tragenden Verbände (z.B. des BDPs). Zusätzlich werden während der Ausbildung die Anwendung neuropsychologischer Behandlungsmethoden und deren Grenzen kritisch reflektiert und sind im Kontext der berufsethischen Normen und rechtlichen Rahmenbedingungen curricular in der Ausbildung verankert (vgl. Anlage V., Pkt. 2.8 des Curriculums Klinische Neuropsychologie).


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