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Editorial: Von der Dekade des Gehirns zur Dekade des
Verhaltens
Mit dem Milleniumswechsel ist die Dekade des Gehirns ("Decade of the
Brain") zu Ende gegangen, die vom früheren Präsidenten der
Vereinigten Staaten, George W. Bush, am 17. Juli 1990 mit einer Proklamation
ins Leben gerufen wurde. In seiner Rede vor dem Kongress hatte Bush die Jahre
1990 bis 2000 zur Dekade des Gehirns erklärt und die Bevölkerung der
USA sowie die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft aufgefordert, diese
Dekade mit entsprechenden Programmen und Aktivitäten zu begleiten.
Ein wesentliches Ziel dieser Initiative war es, die Aufmerksamkeit der
Öffentlichkeit auf die herausragende Bedeutung der Hirnforschung und deren
große Fortschritte zu lenken sowie die Forschung in diesem Bereich zu
intensivieren. Zu diesem Zweck haben in dieser Zeitraum staatliche und
nicht-staatliche Forschungsorganisationen einen beträchtlichen Prozentsatz
ihrer Budgets speziell für neurowissenschaftliche Forschungsprogramme zur
Verfügung gestellt. Hierbei wurden große Hoffnungen und Erwartungen
in die Hirnforschung gesetzt. Insbesondere bestand die Hoffnung, dass durch ein
besseres Verständnis der Funktionsweise des Gehirns auch die große
Zahl an hirnorganischen Erkrankungen (z.B. Morbus Alzheimer, Schlaganfall,
Epilepsie, Schizophrenie, Drogenmissbrauch, Autismus) besser verstanden und vor
allem auch besser behandelt werden können. Die Dekade des Gehirns hat
in den USA, aber auch in anderen Ländern, eine beträchtliche
Publizität bekommen, mit spürbaren Auswirkungen auch in den
populärwissenschaftlichen Bereich, aber auch mit Auswirkungen auf
benachbarte Fachdisziplinen wie beispielsweise die Philosophie, Linguistik und
Informatik. In der Dekade des Gehirns wurden beachtliche, insbesondere
technologische und molekularbiologische Fortschritte erzielt. Beispielsweise
kann heute der Zusammenhang zwischen kognitiven und physiologischen Prozessen
im Nervensystem mit Hilfe bildgebender Verfahren (z.B. der funktionellen
Magnetresonanztomographie) wesentlich präziser beschrieben werden (Fu
& McGuire, 1999; Raichle, 1998; Kim & Ugurbil, 1997; Watson, 1997).
Auch wurden die molekularbiologischen Grundlagen dafür gelegt, um
geschädigte Neurone durch neuronale Vorläuferzellen zu ersetzen
(Björklund & Lindvall, 2000). Es steht außer Frage, dass die
Dekade des Gehirns unser Verständnis der Funktionsweise des Gehirns
verbessert hat. Allerdings hat die Dekade des Gehirns auch gezeigt, dass viele
Fragen noch unbeantwortet geblieben sind. Auch wenn wir heute beispielsweise
ein genaueres Bild über die Genetik und Pathologie der Alzheimerschen
Erkrankung oder über die Ursachen der Multiplen Sklerose haben, bedeutet
dies noch lange nicht, dass diese Krankheiten nun erfolgreich behandelt werden
können. Nach wie vor stehen wir den meisten degenerativen, aber auch
akuten Hirnerkrankungen weitgehend hilflos gegenüber. Auch unser
Verständnis der funktionellen Architektur des menschlichen Gehirns ist
trotz der Erfolge der funktionellen Bildgebung des Gehirns in vielen Bereichen
noch sehr lückenhaft (Kutas & Federmeier, 1998). Die vielen
offenen Fragen, der zu erwartende Erkenntnisgewinn und die potentiellen
Anwendungsmöglichkeiten rechtfertigen aber zweifelsohne die Fortsetzung
einer interdisziplinären Hirnforschung. Allerdings sollte dies nicht zu
Lasten anderer Forschungsbereiche gehen und es sollten dabei auch
Erkenntnisgrenzen biologischer Forschungsansätze gesehen werden. Der
renommierte Psychologe Bandura (2000) hat auf die Problematik einer
vollständigen Reduktion psychologischer Phänomene auf die Biologie
erst kürzlich sehr pointiert hingewiesen. "Knowing how the biological
machinery works tells one litte about how to orchestrate that machinery for
diverse purposes. To use an analogy, knowing how a television set produces
images in no way explains the nature of the creative programs it transmits."
(Bandura, 2000, S. 2). Dieser Einwand von Bandura muss sicherlich bei der
Suche nach den Gesetzmäßigkeiten menschlichen Verhaltens
berücksichtigt werden. Menschliche Verhaltensweisen können nicht
vollständig auf der Basis von neurobiologischen Theorien erklärt
werden (Gold & Stoljar, 1999). Beispielsweise gibt uns die genaue Kenntnis
der am Lernen beteiligten neuronalen Systeme noch keine befriedigende Auskunft
darüber, wie Lernbedingungen und material in Hinblick auf Menge,
Abstraktionsgrad etc. gestaltet werden müssen, um einen optimalen und
dauerhaften Lerngewinn zu erzielen und um die Motivation zum Lernen aufrecht zu
halten. Auch sollten wir beachten, dass unsere neurobiologische Ausstattung
nicht die kulturelle Vielfalt und den schnellen Wechsel sozialer, kultureller
und individueller Praktiken in den letzten 1000 Jahren erklären kann.
Evolutive Prozesse haben im Gegensatz zu kulturellen und sozialen
Vorgängen eine wesentlich langsamere Dynamik. Aus diesen Gründen
sollten wir neben der Hirnforschung unser Augenmerk auch auf andere
Forschungsansätze und -gebiete richten und diese nicht
vernachlässigen. Auch die Verhaltenswissenschaften haben sich in den
letzten Jahrzehnten enorm entwickelt und viele wichtige Erkenntnisse über
das menschlichen Verhaltens und über psychosoziale Prozesse gesammelt, die
direkt in die Entwicklung von Interventionsprogrammen für ganz
unterschiedliche Problemfelder gemündet haben. Erkenntnisse der
Verhaltenswissenschaften tragen maßgeblich zur Lösung zentraler
gesellschafts- und gesundheitspolitischer Herausforderungen (Umgang mit
chronischen Erkrankungen, Lebensstile, Erziehung und Weiterbildung, Gewalt und
Aggression sowie Gesundheitsvorsorge) bei und dürften in vielen Bereichen
von genauso großer gesellschaftlicher Relevanz sein wie die Erkenntnisse
der biologisch ausgerichteten Hirnforschung. Es mag daher nicht unbedingt
überraschen, wenn der Dekade des Gehirns eine Dekade des Verhaltens
("Decade of Behavior") folgt. Genau eine solche Dekade wurde gerade von
zahlreichen amerikanischen Fachgesellschaften für die Jahre 2000 bis 2010
proklamiert. Das Fundament für die Dekade des Verhaltens wurde dabei schon
1997 im "Board of Scientific Affairs" der American Psychological Assossiation
(APA) gelegt und erhielt in den nachfolgenden Jahren Unterstützung durch
zahlreiche andere verhaltens- und sozialwissenschaftliche Fachgesellschaften
sowie durch Vertreter der Politik und des öffentlichen Lebens. Mit der
Besetzung eines "National Advisory Committees" durch die unterstützenden
Verbände (Federation of Behavioral, Cognitive and Psychological Sciences,
National Academy of Neuropsychology, American Psychological Society, American
Educational Research Association, American Sociological Association etc.) wurde
im Herbst 1998 eine zentrale Institution geschaffen, die Strategien zur
Umsetzung der Initiative erarbeitet hat. Obwohl die Unterstützung durch
den jetzigen Präsidenten der USA noch aussteht, sind die Hoffnungen
groß, dass Bill Clinton noch in diesem Jahr eine entsprechende
Proklamation unterschreiben wird. Ebenso wie bei der Dekade des Gehirns soll
mit der Dekade des Verhaltens die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf
die Bedeutung der Verhaltens- und Sozialwissenschaften gelenkt werden.
Natürlich soll durch die Initiative auch die Forschungsförderung
für die Verhaltenswissenschaften verbessert werden. Die Herausgeber
der Zeitschrift für Neuropsychologie und auch der Vorstand der
Gesellschaft für Neuropsychologie unterstützen die in den USA
begonnene Initiative, die Jahre 2000 bis 2010 zur Dekade des Verhaltens zu
erklärt. Um diese Unterstützung deutlich zu machen, führen wir
zukünftig auf der Titelseite der Zeitschrift für Neuropsychologie ein
entsprechendes Logo. Wir würden uns freuen, wenn unsere Initiative im
deutschsprachigen Raum eine breite Unterstützung finden würde. Die
Neuropsychologie ist dabei eine Disziplin von herausragender Bedeutung, da in
diesem Forschungsfeld versucht wird, eine Brücke zwischen biologischen und
psychologischen Modellen zu bauen. Aus diesem Grund sehen wir unsere
Initiative, in der das Verhalten der Menschen als Analysegegenstand in den
Mittelpunkt gerückt wird, als eine sinnvolle und wichtige Ergänzung
zu der gerade in Deutschland begonnenen Initiative "Dekade des menschlichen
Gehirns (2000-2010), die von einer Gruppe deutscher Neurowissenschaftler nach
amerikanischen Vorbild initiiert wurde. Literatur
Bandura, A. (2000). Swimming against the mainstream. Accenting the positive in
human nature. In HMS Beagle: The BioMedNet Magazine
(http://news.bmn.com/hmsbeagle/70/viewpts/op_ed), posted January 21, 2000 Issue
70. Björklund, A. & Lindvall, O. (2000). Cell replacement
therapies for central nervous system disorders. Nature Neuroscience, 3,
537-544. Gold, I. & Stoljar, D. (1999). A neuron doctrine in the
philosophy of neuroscience. Behavioral and Brain Sciences, 22, 809-869. Fu,
C. H. & McGuire, P. K. (1999). Functional neuroimaging in psychiatry.
Philosophical Transactions of the Royal Society of London B: Biological
Sciences, 354, 1359-1370. Kim, S.-G. & Ugurbil, K. (1997). Functional
magnetic resonance imaging of the human brain. Journal of Neuroscience Methods,
74, 229-243. Kutas, M. & Federmeier, K. D. (1998). Minding the body.
Psychophysiology, 35, 135-150. Raichle, M. E. (1998). Behind the scenes of
functional brain imaging: A historical and physiological perspective.
Proceedings of the National Academy of Sciences, 95, 765-772. Watson,
J.D.G. (1997). Images of the working brain: understanding human brain function
with positron emission tomography. Journal of Neuroscience Methods, 74,
245-256. Siegfried Gauggel |